Conquest of Paradise

Donerstag 18.12.2025
Conquest of Paradise - Musik, die passt!
https://youtu.be/WYeDsa4Tw0c?si=yVXQdUhyNyYcjRah

Gestern gab es ein Abenteuer, das gar keines war. Wir brachen schon um halb sechs morgens auf, um den Kleinsten der costaricanischen Nationalparks zu besuchen. Der liegt etwa 40 km von unserem Hotel entfernt. Ich versprach mir bei der Fahrt durch die Orte und das Aufsammeln anderer Besuchswilliger in anderen Hotels, einen Eindruck davon zu bekommen, wie es sich in diesem Teil Costa Ricas lebt, in dem gleichviele Plakate in Amerikanisch wie in Spanisch aufgestellt sind.
Auch wenn der Manuel Antonio Nationalpark letztlich den Eindruck eines ruhigen Tagesablaufs erweckte, so war schon die Fahrt ein Erlebnis. Ich wusste zwar, dass sich die Ticos, wie sich die Costa Ricaner selbst nennen, nicht an Verkehrsregeln halten, aber Zustände wie in Kairo oder Marrakesh hatte ich dann doch nicht erwartet. Vorfahrt hat, wer das größere Auto fährt oder schneller ist. Gehupt wird als Bedankung dafür, dass jemand darauf verzichtet hat, eine Karambolage zu bauen und Überholen auf dem Highway rechts oder links ist gleichwertig und normal. 
Dabei stauen sich die Autos regelmäßig in den Städten und die 40 Tonner Kenworth Trucks, Be- und Entladen auf der Strasse, Einfädler, Motorräder, Fahräder und Fussgänger toppen das Chaos noch. Es gab kein Städtchen ohne Stau.
Es gibt aber verhältnismäßig wenige verbeulte Autos. Ein Beweis, dass man auch ohne Regeln im Chaos überleben kann bzw. das Chaos sich durch Regeln nicht bezwingen lässt. 
Die Fahrt dauerte 2 Stunden ... und führte durch riesige Palmölplantagen. In Reih und Glied stehen hier tausende Kokospalmen im Abstand von ja 8 bis 10 Metern, bis das Licht nicht mehr ausreicht, die Details dazwischen zu erkennen. Wir erfuhren dann, dass große  Teile der Plantagen in der Gründungszeit Costa Ricas angepflanzt wurden und bis heute der Region einen bescheidenen Wohlstand einbringen.
Dann, nach einem wohlverdienten Frühstück, am Standort des Tourguides erreichten wir unser Ziel: Manuel Antonio Park.
Wie der Park zu seinem Namen kam, weiß  niemand. Die Legenden sind so alt wie die Bäume in den Plantagen.
Doch im Park war es nix mit friedlicher Ruhe im Urwald. Massen von Touristen wie wir, quollen aus den Bussen und strömten dem Entrance entgegen, der eher einem hochgesicherten Grenzübergang mit Taschen- und Passkontrollen glich, als einem Eingang zu einem Natur- und Wildpark.
Foto? War mir zu blöd von den gelben Geländern und dem Gedränge ein Bild zu machen.
Hunderte Touristentrupps, angeführt von ihrem Guide, dessen Erkennungszeichen das auf dem Stativ montierten Monokolar ist, bevölkerten die Mäandergänge, die mich an die Zugangsregelungen am Flughafen erinnerten. 
Inklusive Taschenkontrollen durch uniformierte Park-Wächter und Wächterinnen.
Doch trotz alle Unkenrufen zum Trotz, und Rumstehen bei 27 Grad und 85% Luftfeuchte, wickelte sich die Abfertigung schnell ab. 
Vorausgesetzt, man hatte keine Plastikflaschen, keine Erdnus-, Protein- oder Fruchtriegel oder anderes Essbares im Rucksack. Ich steckte meine Erdnussriegel einfach in die Hosentasche - denn auf Körpervisitation verzichteten sie. Immerhin.
Ohne Cookies und Wasser durften wir dann den Park betreten. Die offizielle Begründung:
"Die Affen klauen es aus den Taschen."

"Ok", dachte ich, "dann bin ich mal auf die Affenhorden gespannt, die den Menschenhorden auflauerten, um deren Kekse zu erobern.


Anmerkung: Der Aufwand der Zugangskontrolle ist verständlich, wenn ich in Betracht ziehe, dass die meisten Touristen keine Achtsamkeit gegenüber der Natur hegen. Und wenn man nichts zum in die Gegend schmeißen hat, kann auch nichts liegen bleiben, das nachher mühsam weggeräumt werden muss.
Meine Erwartungsspannung entlud sich jedenfalls schnell. Was in Punta Leona zum Alltag gehörte: Affen als Gesellschaft beim Frühstück, am Pool und am Strand. Leguane auf den Wiesen und Bäumen neben den roten Aras mit ihrem Krächzen, stellte sich umgehend als eine rare Besonderheit heraus. Was wir bei unseren stillen Spaziergängen in der feuchten Hitze des Waldes um Punta Leona an Tieren gesehen hatten, avancierte hier im hochgejubelten Nationalpark zu seltenen monokularisierten Highlights. Für die auch noch ganz üppig Dollars auf den Tisch gelegt werden mussten. Vom Marketing bis zur realen Erfahrung ist alles auf den US Tourismus abgestimmt.
Von der Spinne bis zum Leguan, von der Schlange bis zur Krabbe. Die Begeisterung flutete durch die Handybewaffneten multilingualen Trupps und machten einen Fußweg von etwa zwei Kilometer zu einem schweißtreibenden 2 Stunden Stop & Go Event. Und es wurde immer wärmer. Der Regenwald hält die Feuchte unter seinem Blätterdach. Ohne Wind und fast ohne Thermik. Nach einer halben Stunde konnte mein High-Tech-Faser Hemd auswringen, als ob es gerade aus dem Pool gefischt worden wäre...Aber pura vida - alles gut!
Wir kamen schließlich doch noch am Meer an, wo die schweißtriefenden T-Shirts gegen frische getauscht werden konnten und eine Stunde Baden angesagt war. Wassertemperatur 29 Grad. Feuchte 100%. Lufttemperatur 30 Grad und Feuchte 92%.
Von Abkühlung also keine Rede - nur eben die Illusion von Schwimmen im Meer erfrischt.
Sitzen im Schatten eines Urwaldriesen hatte den gleichen Effekt.
Dann, auf dem Rückweg zum Parkeingang trafen wir auf die Affen. Ich habe drei gezählt. Drei weitere in 100m Entfernung. Scheue Kapuzineräffchen, die schon wussten, dass die Touris nichts für sie in den Taschen hatten. Trotzdem posierte eines für meine Kamera. 
Es sind eben arglose Kreaturen, die mit ihren wachen Augen auf uns schauen, ein paar Sparenzien machen und uns ein Lächeln abringen. Ganz ohne Bezahlung. Einfach nur dafür, dass wir sie in Ruhe leben lassen.
Danach ging es durch den Mangrovensumpf zurück. Bergauf - nicht steil - aber um 13 Uhr mittags. Volle Sonne. Nicht umsonst standen wohl alle 200 Meter Trinkwasserzapfstellen um der Dehydrierung Herr zu werden und Übergewichtige wie ich, nicht einfach aus den Latschen kippten.
Jedenfalls kamen alle wieder am Bus an. Keiner war verloren gegangen, und es lockte das Lunch-Buffet.


Ich habe auf der Tour viel gelernt. Nicht soviel über Affen und Tiere im Urwald als über die Menschen, die tun, was sie können um ihr Paradies zu erhalten. Und die, die das nicht tun. Doch wie überall auf der Welt sind letztere in der Überzahl und diese Bemühungen werden von der zivilisierten Gier nach Mehr langsam aber stetig wieder kaputt gemacht.
Das "Conquest of Paradise" setzt sich fort.
Als ein einmal angestoßener Prozess, der angetrieben vom "mehr und besser", nicht mehr enden wird, bis sich der Spieß umdreht und wir die Affen in den Reservaten sind, um die sich die Hotelburgen der Highsociety
ringen, zu denen die Nicht-Milliardäre keinen Zutritt mehr haben.
Angefangen hat es mit einem eingedötschten Ei, das ein Immigrant irgendwann vor 280 Jahren dem spanischen König vor die Nase stellte. Und mit ein bißchen Hilfe aus dem Feld wird diese logisch rationale Projektion niemals eine reale Zukunft werden. Aber dazu braucht es den Impuls von Vielen, damit sich die Resonanzen einstellen können.
Alles liebe & bis bald
Hans







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